Posts Tagged ‘aussteigen’

Wie kommt ihr dazu?

IMG_1826

Vor einigen Tagen erreichte mich die Frage, wie wir eigentlich zu diesem ganzen Umdenken gekommen sind und ob es große Veränderungen für uns bedeutete, als wir Schritt für Schritt diesen Weg anfingen.

Mein Mann und ich, wir kommen beide aus sehr unterschiedlichen „das machen wir selber“ – Haushalten, in denen etwas Fantasie, Improvisation und handwerkliches Geschick einen großen Stellwert hatten. Wir haben früh gelernt, unseren eigenen Kopf zu haben und uns nicht von irgendwelchen gesellschaftlichen Normen etwas diktieren zu lassen.

So waren wir wohl beide etwas abseits der Norm. Bevor wir uns kennen lernten, hüpfte ich jeden Sommer musizierend von einem Mittelaltermarkt zum anderen und mein Mann verdiente sich neben der Schule sein Geld als Statist an der Oper. Es war sicher von Vorteil, dass wir uns in dieser „Sturm und Drang“ Zeit zwischen Abitur und Studium kennen lernten und nun schon seit zehn Jahren einen gemeinsamen Weg beschreiten, der erfreulicherweise nie langweilig war und es wohl auch nicht mehr werden wird. So konnten wir gemeinsam viel entdecken, hinterfragen, für uns aufbauen.

Seit wir beide keine Studenten mehr sind, sondern Eltern mitten im Berufsleben, hat sich natürlich die ein oder andere Priorität und Möglichkeit geändert. Wir wohnen auch nicht mehr in einer Einraumwohnung, fahren nicht mehr Wartburg oder haben statt Kacheln Sand und Trittsteine im Bad, weil unsere mongolischen Wüstenrennmäuse das damals so lustig fanden (aber schön war’s!).

Das klingt jetzt alles sehr positiv, doch auch negative Erfahrungen haben uns umdenken lassen. Private Hürden wie finanzielle Nöte, zwischenmenschliche Schwierigkeiten, Arbeitssuche, der Verlust zweier uns sehr nah stehenden Menschen innerhalb von wenigen Tagen und nicht zuletzt die sich wandelnden politischen und gesellschaftlichen Strukturen um uns herum haben uns an unsere Grenzen gebracht (und diese sicher in die ein oder andere Richtung verschoben).

Bewusster leben, Geld sparen, vernünftig konsumieren, gesund sein, zukunftsorientiert handeln und viele Kompromisse haben uns auf diesen Weg gebracht. Bereut haben wir in den letzten drei Jahren der Umstrukturierung nichts und es ist sehr bereichernd, die Dinge konstruktiv und konsequent durchzuziehen. Wir bleiben also dabei. Ich bin gespannt, was wir noch so auf die Beine stellen.

Ist dieser Lebensstil nicht sehr kostspielig?

IMG_0410

Bei dieser Frage muss ich immer etwas schmunzeln. Sie wurde uns schon häufig gestellt, dabei keimte dieser ganze Umbruch auf einem wirtschaftlich gesehen so mageren Boden, dass uns kaum was anderes übrig blieb. Auf gewisse Dinge verzichten, umdenken, hinterfragen, umrüsten: das kostet vor allem Zeit und Zuversicht. Manches hat sich auch gar nicht verändert. Vielleicht kommen wir in diesem Blog manchmal etwas „radikal“ rüber, aber im Grunde genommen sind wir eine ganz normale Familie, die sich ihren Weg sucht (und dabei nicht immer so konsequent ist, wie sie gern wäre).

Trotzdem: durch unsere Umstrukturierung haben wir ein großes Plus an Lebensqualität gewonnen, was vielleicht als kostspielig wahrgenommen wird. Viele Bio-Lebensmittel, wenn längst nicht alle; Haus mit großem Garten; teils teure Neuanschaffungen. Im Endeffekt sparen wir aber viel Geld, weil wir viel Gebrauchtes nutzen. Sperrmüll oder selber bauen statt Ikea, Second-Hand-Laden oder selber nähen statt H&M, selber kochen statt essen gehen (was wir zwar machen, aber sehr selten). Neu kaufen tun wir die Dinge, die wir gebraucht nicht finden, die eine gewisse Qualität haben und die wir auch reparieren können, sollte mal etwas damit sein. So sparen wir im Endeffekt auch wieder einiges.

Wenn wir plötzlich zu Geld kämen, würden wir vermutlich lieben Menschen finanziell unter die Arme greifen, unser Mietshaus kaufen, konkret über Adoption oder Pflegekinder nachdenken, die Jugendstilstühle neu bepolstern lassen, reisen, eine Sauna in den Garten setzen, einen Imkerkurs machen und Bienen anschaffen, den Dachboden ausbauen, ein anderes Auto besorgen und einen Hund in die Familie integrieren.

Aber ganz ehrlich – bis hierhin haben wir es auch ohne großes Geld geschafft. Da bin ich stolz drauf und habe langsam das Gefühl: wenn es uns wichtig ist, schaffen wir den „Rest“ auch noch locker.

Fazit: erstes Jahr

Seit April 2013 betreibe ich nun diesen Blog, schon über ein Jahr lebe ich also „langsamer“. Was zuvor wie ein riesengroßes, unerreichbares Ziel erschien, ist mittlerweile nicht nur alltagstauglich, sondern enorm entlastend geworden. Zeit für ein kleines Fazit…

Zu Beginn war alles ein großes Abenteuer. Heute ist das alles schon normal. Als wir die ersten Buchenholzzahnbürsten mit Schweineborsten in der Hand hielten, war das befremdlich und neu. Mittlerweile ekelt sich sogar mein Mann vor Zahnbürsten aus Plastik.

Wir sparen jetzt enorm viel Geld. Wenn ich etwa überlege, dass wir früher für eine Tube Wundschutzcreme 5 Euro bezahlt haben, wird mir ganz anders. Gekauft werden jetzt nur Lebensmittel und wenige andere Dinge.

Wir haben erheblich weniger Abfall. 2 kleine Eimer stehen auf der Küchenzeile, einer für Kompost, einer für Recyclingabfälle. Restmüll haben wir gar nicht mehr. Der Komposteimer ist alle 2 Tage, der für gelben Sack nur 1 Mal die Woche voll (das können wir noch optimieren!). Papier sammeln wir natürlich auch getrennt.

Geruchssinn und Geschmackssinn sind feiner geworden.  Das ist ein sehr großer Unterschied zu vorher: Riechen und Schmecken sind viel intensivere Sinneseindrücke geworden. Keine künstlichen Duftstoffe oder Geschmacksverstärker mehr, um die Sinne zu umnebeln!

Wir sparen enorm viel Zeit. Kein langes Produktvergleichen oder Anstehen an der Kasse mehr. Beim Bauern bekommen wir frisches, regionales Obst und Gemüse, beim Fleischer Eier von glücklichen Hühnern; da stehen wir in Drogerien, Kaufhäusern und Lebensmittelgeschäften häufig mit nur zwei oder drei Dingen im Korb da.

Wir bekommen mehr Besuch. Wandern und Wildkräuter sammeln, gemeinsam Seife sieden, Schokolade selber machen oder ein Spieleabend auf der mit Kräutern bewucherten Terrasse machen Spaß, sparen Geld und schweißen zusammen.

Wir haben viel gelernt. Naturkosmetik selber machen. Nähen. Stricken. Häkeln. Sticken. Reiniger herstellen. Seife sieden. Möbel bauen. Das ist inzwischen schon soetwas wie Lesen: das macht man zwischendurch wenn man Zeit hat, zur Entspannung.

Unsere Wohnung ist schöner geworden. Nachdem wir den ganzen Kram ausgemistet haben, schätzen wir unsere Besitztümer viel mehr; was wir haben, wird auch benutzt und hat auch seinen Platz.

Wir sind entspannter. Mehr Zeit und Geld bedeutet für uns auch die Möglichkeit, mehrere kleine Urlaube im Jahr zu machen. Es muss nicht immer so weit weg sein. Wandern, Reiterferien, aber auch Sauna-, Konzert- und Theaterbesuche genießen wir jetzt öfter.

Wir sind gesünder. Seit wir uns nicht mehr mit Chemie umgeben, zuhause alles frisch zubereiten – inklusive der Reinigungsmittel, uns viel draussen bewegen und häufiger auf Hausmittel zurückgreifen als immer gleich auf die Pharmaindustrie, sind Arztbesuche rar geworden. Auf der Arbeit habe ich seitdem keinen Tag gefehlt.

Wir haben immer etwas zu verschenken da. Seife, LikörBadebomben, Rosenessig und co. können gut auf Vorrat gemacht werden und kommen als liebevolles, selbstgemachtes Geschenk immer gut an. Das bedeutet weniger Aufregung vor Geburtstagen, Weihnachten und anderen Feierlichkeiten.

Wir träumen vom eigenen Haus mit Grundstück. Solarzellen zum selber bauen, Regenwasser für die Toilettennutzung, Bienenhaltung, Hühnerhaltung, Biogärtnern und ökologisch sinnvolles Bauen haben wir bereits ausgiebig recherchiert. Fehlt nur noch das Eigenkapital.

Viele Menschen gehen mit. Es ist toll zu lesen, wer sich alles mit uns auf diesen Weg begibt und sich mit mir an den einfachen Lösungen des Lebens freut. Danke dafür!

Es bleibt viel zu tun. Kaum ist eine Baustelle fertig, kommt eine andere dazu. Das nennt sich Leben, und es macht ehrgeizig. Was kommt wohl als Nächstes? Spannend. Manchmal auch frustrierend. Neben meinem Job auch nicht immer so schnell realisierbar, da greife ich schonmal auf Kompromisse zurück. Wie Dosenkatzenfutter.

Nobody’s perfect. Wir sind auch nur Menschen. Menschen, die versuchen, undogmatisch und mit Freuden einen gewissen Lebensstil zu verfolgen. Da dürfen wir auch mal Ausnahmen machen.

15 Schritte in die Unabhängigkeit

Autark leben. Ein Traum. Wissen, wo Dinge herkommen. Was drin ist. Wofür es wirklich gut ist. Als stadtansässige Freiberuflerin mit Familie stoße ich schon mal an meine Grenzen: Zeit. Platz. Geld. Wissen.

Doch es gibt ein Paar Schritte, die jeder tun kann, um etwas unabhängiger zu leben – macht euch also etwas frei von dem ganzen Konsumterror, dem wirtschaftlichen Druck, gesellschaftlichen Zwängen. Vielleicht ist ja in meiner Liste auch was für dich dabei – für ein „langsameres“ Leben:

1. Schaff deinen Fernseher ab. Klebe an deinen Briefkasten den Hinweis, dass ihr keine Werbung eingeworfen bekommen wollt. Bestelle Modezeitschriften, Bestellkataloge und Fashion-Newsletter ab. Das spart Papier, Geld und Versuchungen.
2. Baue deine eigenen Lebensmittel an. Ob Basilikum auf der Fensterbank, Tomaten auf dem Balkon oder ein eigener Gemüsegarten – hier kann fast jeder etwas tun. Und es macht Spaß!
3. Lerne Handarbeit und Handwerk schätzen und lerne selber Nähen, Stricken, Sticken, Häkeln, Töpfern… oder zumindest, wie man einen Knopf annäht. Geh mit den Stiefeln zum Schuster, lass deine Scheren nachschleifen, klebe den kaputten Becher mit selbstgemachtem Sekundenkleber.
4. Lerne deine Nachbarn kennen. Wer weiß, wann du einmal eine Tasse Mehl, eine helfende Hand oder einen guten Rat von Ihnen gebrauchen kannst.
5. Geh auf die Suche nach essbaren Wildpflanzen. Das ist kostenlos und abenteuerlich. Nimm jemanden mit, der sich auskennt, besuche einen Kurs oder lege dir ein gutes Buch zum Thema zu. Wie wäre es mit Löwenzahnpesto oder Brenesselgemüse?
6. Verzichte auf Überflüssiges: Brotbackmaschine, Donut-Maker, Kartenmischmaschine. Hier sind ein Paar Tipps, die dir beim Ausmisten helfen können.
7. Improvisieren und Umfunktionieren: eine leere Weinflasche wird zur Teigrolle, verbogene Gabeln zu Schubladengriffen, Wollreste zu Kissenfüllungen.
8. Selber machen statt kaufen. Oft sind die selbstgemachten Dinge besser, günstiger und zuverlässiger, ob Möbel oder Wundschutzcreme.
9. Energie sparen. Sammle Regenwasser, um deinen Garten zu bewässern. Trockne Kleider nur an der Luft. Sieh zu, dass deine Wohnung richtig isoliert ist und setze öfter mal Kerzen ein. Wer es noch weiter treiben will und kann legt sich Solarzellen, einen Solarofen, ein Windkraftwerk, eine Komposttoilette oder andere Dinge gekauft oder selbstgemacht zu.
10. Klug investieren, vernünftig sparen – hier ist meine Liste von 101 nachhaltigen Sparstrategien. Ich kann es mir nicht leisten, billige Qualität zu kaufen. So investiere ich lieber in hochwertige Dinge (bevorzugt gebraucht) und wäge genau ab, ob ich etwas brauche oder nicht. Das halte ich mit Wohnungseinrichtung, Kleidung, Technik, Musikinstrumenten usw. so.
11. Lebe gesund. Mache Sport, iss Gemüse und Obst, viel Rohkost, wenig tierische Produkte und wenn, dann vernünftiges Fleisch. Trink vor allem Wasser. Hör auf zu rauchen. Drossel deinen Koffein-, Zucker-, Weißmehl- und Alkoholkonsum. Putz dir die Zähne.
12. Nimm dein Fahrrad, geh zu Fuß, sattel dein Pferd. Oder nimm wenigstens den Bus.
13. Füll die Speisekammer auf. Kaufe beim Bauern Säckeweise Kartoffeln, Zwiebeln, und was du noch gut lagern kannst. Stelle Apfelessig, Marmelade, Liköre, Cremes und Salben, Seife, Reinigungsmittel und was du sonst noch so brauchst selber her. Wer einen eigenen Garten hat: Einfrieren, dehydrieren, einwecken.
14. Verzichte auf Plastik und Aluminium, soweit du kannst. Das schont nicht nur deinen Geldbeutel, die Umwelt, deine Gesundheit, deinen Mülleimer und die Ressourcen, sondern auch deine Kinder und Kindeskinder.
15. Finger weg von Einwegprodukten: Papiertaschentücher, KüchenrolleWindeln, Damenhygiene, Wattestäbchen. Das alles kostet Geld, wertvolle Ressourcen und Lebensräume. Suche nach Alternativen. Ganz Mutige schaffen auch das Klopapier ab und ersetzen es durch Lappen oder einem Bideteinsatz für’s Klo.