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Integration: ein schwieriger Begriff

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Neulich hatten wir draussen am Feuer ein angeregtes Abendgespräch mit Freunden und Verwandten, dessen Thematik ich hier gern nochmal aufgreifen möchte. Es ging um die allgegenwärtige Integration; dabei kam die Frage auf, ob es nicht schon an der Begrifflichkeit scheitern würde.

Ist Integration nicht gleich Assimilation, also mehr eine Art „Werte-Überstülpung“ als der Versuch, gemeinsame Werte zu finden und zu stärken? Welche Normen vermitteln wir eigentlich als Gesellschaft? Sind wirklich alle Deutschen so „angepasst“, wie wir es von Ausländern hier erwarten? Gelten etwa unsere Punks auch als „integriert“? Würden wir deutschen Staatsbürger wirklich alle einen Einbürgerungstest bestehen? Wie können wir erwarten, eine multikulturelle Wertegesellschaft nur auf unseren eigenen Grundsätzen aufzubauen – ist das nicht furchtbar wiedersprüchlich?

Fragen über Fragen. Die Antworten sind vielleicht eher in der Menschlichkeit zu suchen als in Politik und Paragraphen, eher in der Diskussion als in irgendwelchen aufgesetzten Normvorstellungen, denen letztenendes keiner genau entspricht.

Jede Kultur, Gesellschaft und politische Struktur hat seine Nachteile – erst recht wenn Gewalt herrscht, Verfolgung, Unterdrückung, Diktatur. Doch wenn ich mir vorstelle, ich käme nach erheblichen Verlusten und Strapazen als Flüchtling in die Fremde, so würde ich doch gern die schönen Erinnerungen an die Heimat durch Sprache, Musik, Religion, Kleidung, Literatur und Kunst ausleben dürfen, ohne dabei schief angesehen oder gar eines „Besseren“ belehrt zu werden. Die Fliehenden haben doch schon genug verloren, lasst ihnen doch wenigstens ein Stückchen Identität, etwas Würde!

Beim Gespräch waren auch ehemalige DDR-Bürger anwesend; diese haben sich – teils als Ausreisende, teils erst nach dem Mauerfall – an die Gepflogenheiten und Gegebenheiten im Westen angepasst. Dabei wurde der Mehrwert der bisherigen Kultur und Vorstellungen der „Ossis“ zum Großteil nicht in Frage gestellt (was für manche mehr, für andere weniger ein Problem darstellte). Ich habe selber schon mehrfach den Kontinent gewechselt, habe mich sehr unterschiedlichen Strukturen anpassen müssen (und ich spreche hier nicht von Urlaubsreisen, sondern von mehrjährigen Angelegenheiten) und weiß, dass es manchmal arg befremdlich sein kann, Gegebenes einfach akzeptieren zu müssen, wenn man vielleicht noch andere Erfahrungen und Wertvorstellungen im Gepäck hat. Ich will sagen: solche Erfahrungen haben viele gemacht, sie sind nicht neu in der Geschichte und können in einem gewissen Rahmen jeden betreffen. Das muss man sich immer wieder vorhalten. Es ist ausserdem nicht an uns, die Menschen in „wertvoll“ und „weniger wertvoll“ zu unterteilen und erst recht nicht die ganz weit unten Stehenden auch noch mit Füßen zu treten. Da landet man doch sehr schnell bei George Orwell: „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher“.

Sicherlich gibt es keine Lösung des Problems, welche wirklich alle berücksichtigen kann. Das wäre nicht nur utopisch, sondern auch extrem konfus. Es ist ja gut, dass es auch hier länderspezifische Strukturen gibt, an denen man sich orientieren kann. Damit ein friedliches Zusammenleben und ein interkultureller Austausch überhaupt möglich ist, finde ich gerade die gemeinsame Sprache und ein paar gesellschaftliche Grundpfeiler sehr wichtig. Doch wenn es niemandem schadet, bin ich für ein wenig mehr Individualismus und Respekt und weniger Bürokratie im Alltag. Im übrigen auch dann, wenn es die Flüchtlingsthematik gerade gar nicht gäbe.

Wie immer freue ich mich über eure Erfahrungen und Gedanken in den Kommentaren!

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