Posts Tagged ‘gesellschaft’

Integration: ein schwieriger Begriff

DSC_0598

Neulich hatten wir draussen am Feuer ein angeregtes Abendgespräch mit Freunden und Verwandten, dessen Thematik ich hier gern nochmal aufgreifen möchte. Es ging um die allgegenwärtige Integration; dabei kam die Frage auf, ob es nicht schon an der Begrifflichkeit scheitern würde.

Ist Integration nicht gleich Assimilation, also mehr eine Art „Werte-Überstülpung“ als der Versuch, gemeinsame Werte zu finden und zu stärken? Welche Normen vermitteln wir eigentlich als Gesellschaft? Sind wirklich alle Deutschen so „angepasst“, wie wir es von Ausländern hier erwarten? Gelten etwa unsere Punks auch als „integriert“? Würden wir deutschen Staatsbürger wirklich alle einen Einbürgerungstest bestehen? Wie können wir erwarten, eine multikulturelle Wertegesellschaft nur auf unseren eigenen Grundsätzen aufzubauen – ist das nicht furchtbar wiedersprüchlich?

Fragen über Fragen. Die Antworten sind vielleicht eher in der Menschlichkeit zu suchen als in Politik und Paragraphen, eher in der Diskussion als in irgendwelchen aufgesetzten Normvorstellungen, denen letztenendes keiner genau entspricht.

Jede Kultur, Gesellschaft und politische Struktur hat seine Nachteile – erst recht wenn Gewalt herrscht, Verfolgung, Unterdrückung, Diktatur. Doch wenn ich mir vorstelle, ich käme nach erheblichen Verlusten und Strapazen als Flüchtling in die Fremde, so würde ich doch gern die schönen Erinnerungen an die Heimat durch Sprache, Musik, Religion, Kleidung, Literatur und Kunst ausleben dürfen, ohne dabei schief angesehen oder gar eines „Besseren“ belehrt zu werden. Die Fliehenden haben doch schon genug verloren, lasst ihnen doch wenigstens ein Stückchen Identität, etwas Würde!

Beim Gespräch waren auch ehemalige DDR-Bürger anwesend; diese haben sich – teils als Ausreisende, teils erst nach dem Mauerfall – an die Gepflogenheiten und Gegebenheiten im Westen angepasst. Dabei wurde der Mehrwert der bisherigen Kultur und Vorstellungen der „Ossis“ zum Großteil nicht in Frage gestellt (was für manche mehr, für andere weniger ein Problem darstellte). Ich habe selber schon mehrfach den Kontinent gewechselt, habe mich sehr unterschiedlichen Strukturen anpassen müssen (und ich spreche hier nicht von Urlaubsreisen, sondern von mehrjährigen Angelegenheiten) und weiß, dass es manchmal arg befremdlich sein kann, Gegebenes einfach akzeptieren zu müssen, wenn man vielleicht noch andere Erfahrungen und Wertvorstellungen im Gepäck hat. Ich will sagen: solche Erfahrungen haben viele gemacht, sie sind nicht neu in der Geschichte und können in einem gewissen Rahmen jeden betreffen. Das muss man sich immer wieder vorhalten. Es ist ausserdem nicht an uns, die Menschen in „wertvoll“ und „weniger wertvoll“ zu unterteilen und erst recht nicht die ganz weit unten Stehenden auch noch mit Füßen zu treten. Da landet man doch sehr schnell bei George Orwell: „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher“.

Sicherlich gibt es keine Lösung des Problems, welche wirklich alle berücksichtigen kann. Das wäre nicht nur utopisch, sondern auch extrem konfus. Es ist ja gut, dass es auch hier länderspezifische Strukturen gibt, an denen man sich orientieren kann. Damit ein friedliches Zusammenleben und ein interkultureller Austausch überhaupt möglich ist, finde ich gerade die gemeinsame Sprache und ein paar gesellschaftliche Grundpfeiler sehr wichtig. Doch wenn es niemandem schadet, bin ich für ein wenig mehr Individualismus und Respekt und weniger Bürokratie im Alltag. Im übrigen auch dann, wenn es die Flüchtlingsthematik gerade gar nicht gäbe.

Wie immer freue ich mich über eure Erfahrungen und Gedanken in den Kommentaren!

Werbeanzeigen

Ich stehe nicht dahinter!

DSC_0601

Ich freue mich sehr, das dieser Blog den ein oder anderen interessierten Leser gefunden hat, eifrig kommentiert wird und die Beiträge manchmal sogar auf anderen Blogs verlinkt werden.

Häufiger stutzt ihr allerdings, auf was für Seiten man gerät, wenn man mal schaut, wer etwa die „reblog“ Funktion genutzt hat. Es gibt schon erstaunlich viel Hass und Hetze da draussen. Da ist manch einer sicher irritiert – gerade die, welche mein politisches Statement (schaut mal hier) schonmal gelesen haben.

Ich kann nicht unterbinden, wer meine Inhalte in welchem Zusammenhang irgendwo hochlädt oder weiterverbreitet. Ich kann nur immer wieder sagen: mich stört und verwundert dieser Umgang mit meinem friedlichen kleinen Blog. Vielleicht muss er ja ein wenig politscher werden, obwohl ich das nie vorhatte. Ich schaue ganz gern über meinen Tellerrand und berichte euch davon. Die Verbreitung von rechten, weltfremden Gruselideologien möchte ich damit keinesfalls unterstützen.

Wie würdet ihr an meiner Stelle handeln? Hat von euch schon jemand ähnliche Erfahrungen mit dem eigenen Blog gemacht? Vielleicht seid ihr da ja klüger als ich.

Was ist da bloß passiert?

Kurzer Post zum Dampf ablassen…

Viele Dinge sind so günstig und simpel selber herzustellen, dass es unglaublich is, wieviel manche Hersteller dafür verlangen. Auf der anderen Seite gibt es tausend Sachen, von denen einem weißgemacht wird, dass man sie unbedingt braucht, obwohl man prima ohne auskommt. Küchenpapier zum Beispiel. Von den ganzen ominösen Produkten à la Angelspiel für lange Klositzungen oder die singende Justin-Bieber-Zahnbürste (ja, beides gibt es wirklich) ganz zu schweigen.

Es ist, als würden die Hersteller schon krampfhaft nach Geldausgebmöglichkeiten suchen, oft sind junge Leute schon hoch verschuldet, ohne dass sie etwa ihre Ausbildung oder das Studium durch einen Kredit finanzieren mussten oder eine Weltreise gemacht haben – oft gilt: Hauptsache, schön viel Quatsch gekauft. Möglichst mit Markenstempel. Weils kurzfristig glücklich macht. Ja, das ist jetzt flapsig ausgedrückt und eine sehr subjektive Beschreibung. Aber es fällt mir auf.

Ich möcht hier nichts pauschalisieren, finde es aber krass, in welche Richting die gesellschaftlichen Prioritäten und das generelle Konsumverhalten sich entwickeln, alles zu Kosten der Billiglohnarbeiter, der Natur, der Entwicklungsländer, der Ressourcen.

Konsum ist eine gesellschaftlich-politische Handlung. Bitte seid euch dessen bewusst. Wenn nicht explizit Bio oder Fairtrade oder Genfrei draufsteht – und selbst diese Siegel können Deckmäntel sein – kauft ihr in vielen Fällen Roundup, Kinderarbeit und Monsanto. Ich sage nicht, dass es jedem möglich ist, allein schon finanziell, so einzukaufen. Aber kauft bewusst ein. Selbst Kleinigkeiten verändern bringt da viel. Kiwis aus Italien statt aus Neuseeland, weil die nicht so weit reisen mussten. Eine Jeans aus dem Second-Hand-Laden, weil die eine Umweltbilanz gleich 0 hat und ohnehin günstiger ist. Brot vom richtigen Bäcker statt Discounterbrot aus frisch aufgebackenen Teigrohlingen aus China. Macht eure Weihnachtsdeko selber. Geht zum Schuster, zum Uhrmacher, statt neu zu kaufen. Jeder Minischritt hilft. Recherchiert. Sucht nach Alternativen.Kommt miteinander ins Gespräch, dass allein kann Unglaubliches bewirken.

Konsumverhalten und Angebot, das ist ein wechselseitiges Bedingungsgefüge. Ihr seht ja, was die Konsumgesellschaft durch ihr gieriges Treiben bewirken konnte. Jetzt stellt euch vor, wir als Gesellschaft ziehen die Notbremse und stellen andere Ansprüche.

Utopisch? Ja. Aber als der erste Mensch beschloss, Wasser aus der Leitung zu zapfen und in Flaschen zu verkaufen, hat man ihn bestimmt auch belächelt. Daraufhin ist er bestimmt sehr reich geworden. Zu dem Thema gibt es einen feinen Kurzfilm auf youtube zu sehen: hier.

Nachtrag: gerade habe ich ein nettes Zitat von unbekannt entdeckt: „Jeder Geldschein ist auch ein Wahlschein“ – food for thought.

15 Schritte in die Unabhängigkeit

Autark leben. Ein Traum. Wissen, wo Dinge herkommen. Was drin ist. Wofür es wirklich gut ist. Als stadtansässige Freiberuflerin mit Familie stoße ich schon mal an meine Grenzen: Zeit. Platz. Geld. Wissen.

Doch es gibt ein Paar Schritte, die jeder tun kann, um etwas unabhängiger zu leben – macht euch also etwas frei von dem ganzen Konsumterror, dem wirtschaftlichen Druck, gesellschaftlichen Zwängen. Vielleicht ist ja in meiner Liste auch was für dich dabei – für ein „langsameres“ Leben:

1. Schaff deinen Fernseher ab. Klebe an deinen Briefkasten den Hinweis, dass ihr keine Werbung eingeworfen bekommen wollt. Bestelle Modezeitschriften, Bestellkataloge und Fashion-Newsletter ab. Das spart Papier, Geld und Versuchungen.
2. Baue deine eigenen Lebensmittel an. Ob Basilikum auf der Fensterbank, Tomaten auf dem Balkon oder ein eigener Gemüsegarten – hier kann fast jeder etwas tun. Und es macht Spaß!
3. Lerne Handarbeit und Handwerk schätzen und lerne selber Nähen, Stricken, Sticken, Häkeln, Töpfern… oder zumindest, wie man einen Knopf annäht. Geh mit den Stiefeln zum Schuster, lass deine Scheren nachschleifen, klebe den kaputten Becher mit selbstgemachtem Sekundenkleber.
4. Lerne deine Nachbarn kennen. Wer weiß, wann du einmal eine Tasse Mehl, eine helfende Hand oder einen guten Rat von Ihnen gebrauchen kannst.
5. Geh auf die Suche nach essbaren Wildpflanzen. Das ist kostenlos und abenteuerlich. Nimm jemanden mit, der sich auskennt, besuche einen Kurs oder lege dir ein gutes Buch zum Thema zu. Wie wäre es mit Löwenzahnpesto oder Brenesselgemüse?
6. Verzichte auf Überflüssiges: Brotbackmaschine, Donut-Maker, Kartenmischmaschine. Hier sind ein Paar Tipps, die dir beim Ausmisten helfen können.
7. Improvisieren und Umfunktionieren: eine leere Weinflasche wird zur Teigrolle, verbogene Gabeln zu Schubladengriffen, Wollreste zu Kissenfüllungen.
8. Selber machen statt kaufen. Oft sind die selbstgemachten Dinge besser, günstiger und zuverlässiger, ob Möbel oder Wundschutzcreme.
9. Energie sparen. Sammle Regenwasser, um deinen Garten zu bewässern. Trockne Kleider nur an der Luft. Sieh zu, dass deine Wohnung richtig isoliert ist und setze öfter mal Kerzen ein. Wer es noch weiter treiben will und kann legt sich Solarzellen, einen Solarofen, ein Windkraftwerk, eine Komposttoilette oder andere Dinge gekauft oder selbstgemacht zu.
10. Klug investieren, vernünftig sparen – hier ist meine Liste von 101 nachhaltigen Sparstrategien. Ich kann es mir nicht leisten, billige Qualität zu kaufen. So investiere ich lieber in hochwertige Dinge (bevorzugt gebraucht) und wäge genau ab, ob ich etwas brauche oder nicht. Das halte ich mit Wohnungseinrichtung, Kleidung, Technik, Musikinstrumenten usw. so.
11. Lebe gesund. Mache Sport, iss Gemüse und Obst, viel Rohkost, wenig tierische Produkte und wenn, dann vernünftiges Fleisch. Trink vor allem Wasser. Hör auf zu rauchen. Drossel deinen Koffein-, Zucker-, Weißmehl- und Alkoholkonsum. Putz dir die Zähne.
12. Nimm dein Fahrrad, geh zu Fuß, sattel dein Pferd. Oder nimm wenigstens den Bus.
13. Füll die Speisekammer auf. Kaufe beim Bauern Säckeweise Kartoffeln, Zwiebeln, und was du noch gut lagern kannst. Stelle Apfelessig, Marmelade, Liköre, Cremes und Salben, Seife, Reinigungsmittel und was du sonst noch so brauchst selber her. Wer einen eigenen Garten hat: Einfrieren, dehydrieren, einwecken.
14. Verzichte auf Plastik und Aluminium, soweit du kannst. Das schont nicht nur deinen Geldbeutel, die Umwelt, deine Gesundheit, deinen Mülleimer und die Ressourcen, sondern auch deine Kinder und Kindeskinder.
15. Finger weg von Einwegprodukten: Papiertaschentücher, KüchenrolleWindeln, Damenhygiene, Wattestäbchen. Das alles kostet Geld, wertvolle Ressourcen und Lebensräume. Suche nach Alternativen. Ganz Mutige schaffen auch das Klopapier ab und ersetzen es durch Lappen oder einem Bideteinsatz für’s Klo.

Markenquark

Heute, im Kleinkindabteil eines ICE, ist mir das Markenbewusstsein einer jungen Mutter mit 2-jährigem Kind aufgefallen.

Als ich meinem Sohn eine frische Stoffwindel umtat, hieß es gleich: „das Baby kriegt eine frische Pampers!“. Das mag ja nun schon fast so integriert sein wie der Markenname „Fön“ für Haartrockner, doch es ging weiter: „Hast du Hunger? Willst du Pombär?“ (übrigens auch ein Kandidat für den Goldenen Windbeutel) und – was mich zunächst sehr rätseln ließ – „Hast du Durst? Willst du Wie-oh?“. Das Flaschenwasser Vio war gemeint, und da wurde mir schwummerig:

Warum legt man seinem Kind mit 2 Jahren nicht das Wort „Wasser“ stattdessen nahe? Ist unsere Gesellschaft wirklich schon so Produkt- und Markenabhängig, dass man den Kindern – welche schließlich die Zukunft gestalten werden – mit jedem Schluck Wasser, jedem Essenshapser, jedem Windelwechsel die entsprechenden Marken nennen muss?!?

Ich werde der Dame mit meinem selbstgebackenen Zwieback und der Edelstahlflasche mit frischem Leitungswasser wahrscheinlich ähnlich fremd vorgekommen sein…

Es ist erstaunlich wie effektiv sich Werbung durchsetzen kann, wie Produkte sich im Alltag integrieren und sie sich – und das sicher auch unbewusst – als Synonym für soetwas essentielles wie Trinkwasser zu etablieren vermögen. Gerade die frühkindliche Prägung scheint hierfür das A und O zu sein.

Was sagt ihr dazu?