Posts Tagged ‘philosophie’

Markenquark

Heute, im Kleinkindabteil eines ICE, ist mir das Markenbewusstsein einer jungen Mutter mit 2-jährigem Kind aufgefallen.

Als ich meinem Sohn eine frische Stoffwindel umtat, hieß es gleich: „das Baby kriegt eine frische Pampers!“. Das mag ja nun schon fast so integriert sein wie der Markenname „Fön“ für Haartrockner, doch es ging weiter: „Hast du Hunger? Willst du Pombär?“ (übrigens auch ein Kandidat für den Goldenen Windbeutel) und – was mich zunächst sehr rätseln ließ – „Hast du Durst? Willst du Wie-oh?“. Das Flaschenwasser Vio war gemeint, und da wurde mir schwummerig:

Warum legt man seinem Kind mit 2 Jahren nicht das Wort „Wasser“ stattdessen nahe? Ist unsere Gesellschaft wirklich schon so Produkt- und Markenabhängig, dass man den Kindern – welche schließlich die Zukunft gestalten werden – mit jedem Schluck Wasser, jedem Essenshapser, jedem Windelwechsel die entsprechenden Marken nennen muss?!?

Ich werde der Dame mit meinem selbstgebackenen Zwieback und der Edelstahlflasche mit frischem Leitungswasser wahrscheinlich ähnlich fremd vorgekommen sein…

Es ist erstaunlich wie effektiv sich Werbung durchsetzen kann, wie Produkte sich im Alltag integrieren und sie sich – und das sicher auch unbewusst – als Synonym für soetwas essentielles wie Trinkwasser zu etablieren vermögen. Gerade die frühkindliche Prägung scheint hierfür das A und O zu sein.

Was sagt ihr dazu?

Schubladenmenschen

Wir haben ein offenes Zuhause und unser Freundschafts- und Bekanntenkreis besteht aus einer bunten und interessanten Mischung. Eine Besucherin schaute einmal ganz verzückt auf unseren treuen, alten Bauernschrank und rief: „Bei euch ist ja alles Shabby-Chick!“. Eine Weitere war ganz erstaunt, wie früh wir geheiratet haben und fragte: „bist du Straight-Edge?“…

Ich finde es ulkig, dass man heutzutage für jede Entscheidung, ob bewusst oder unbewusst, einen passenden Stempel parat haben soll. Diese ganze Begrifflichkeit sorgt meines Erachtens nicht für die ersehnte Übersicht und ich finde es grotesk, die Menschen so zu pauschalisieren.

Hannes Wader dichtete zu dem Thema einmal dieses wunderbare Lied.

Es ist einerseits der Fall, dass Individuen sich selbst „bestempeln“: Ernährung, Mode, Technik, Sport, Musik, Lebensphilosophie treten vermehrt in den Vordergrund und dienen als Orientierung. Kein Wunder; die Gemeinschaftsstrukturen von früher haben viel an Bedeutung verloren (Religion, Familie, Vereine, Nachbarschaft); das ist einerseits der durch das Internet erst wirklich möglichen, weltweiten Vernetzung zuzuschreiben und andererseits der erhöhten Mobilität. Ich laß einmal den sehr treffenden Begriff „Generation Rollkoffer“, weiß aber leider nicht mehr, wo.

Andererseits neigen wir zu Pauschalisierungen, was unsere Mitmenschen angeht. Viele Rollen werden uns einfach übergestülpt – manche liebevoll, andere fast gewaltsam – und es ist dann oft sehr schwierig, diese wieder loszuwerden.

Brauchen wir wirklich für alles eine passende Form, um uns und andere hineinzupressen? Akzeptanz, Verständnis, Respekt, Aufgeschlossenheit und etwas Vernunft – kurz: Bildung, Freundlichkeit und Selbstvertrauen – sind meines Erachtens oft sinnvoller.